Kennen und Entsagen

Der daoistische Satz "Der Berufene kennt alle Dinge des Himmels und der Erde, ohne sein Haus verlassen zu haben." wird oft als Begründung für zurückgezogene Meditation und Entsagung angeführt; weist er doch auf die Wahrheit hin, dass jeder das Dao in sich selbst finden kann.

Doch lässt sich dieser Satz darüber hinaus nicht noch weiter gefasst interpretieren? Versteht man als das Haus des Selbst nun vielmehr den Körper, der das Selbst beherbergt, so erlangt das Kennen aller Dinge des Himmels und der Erde eine gänzlich andere Bedeutung. Es heißt vor dem Tod (dem Verlassen des Körpers) möglichst vieles zu erleben, vieles zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu fühlen, mit dem Ziel die eigene "Lebensaufgabe", das eigene Dao, den eigenen Weg finden zu lernen.

Wachsen wir nicht an Erfahrungen? Lernen wir durch Erfahrungen nicht Altes aus neuen Blickwinkeln zu sehen? Verstehen wir das Daodejing nicht jedes Mal etwas anders, wenn wir es erneut lesen? Sind es nicht unsere vielen Lehrer, die uns immer wieder die Augen für die Wahrheit öffnen? Hätte ich mein Haus nie verlassen, wie wahrhaftig wäre es dann, Dingen zu entsagen, die ich nicht kenne?

Denn wer hat wahrhaftig entsagt? Ist es derjenige, der aufgrund von Regeln nie in seinem Leben Alkohol gekostet hat? Oder ist es derjenige, der Alkohol gekostet und die Wertlosigkeit darin erkannt hat und der daher aus seinem tiefsten Inneren heraus kein Bedürfnis mehr verspürt, noch einmal Alkohol zu trinken? Ist nicht genau das wahre Entsagung?

Das ist das Paradoxon des Dao: Wir können das Dao tief in uns selbst finden und müssen trotzdem außerhalb lernen, dies zu tun.

[Autor: Dennis, Nov. 2009]